Geschenke, und die Sorgen die sie bringen.

Wo in mein abartig heißes Büro grade eine abartig schwül-heiße Brise hereinweht erinnere ich mich an eine kleine Begebenheit, Sommer 2002, die es zu Erzählen lohnt:

Es war ein sehr feines Sommerwochenende, Samstag Abends, ca. 19:00. Goldenes Licht durchströmt hochgewachsene Bäume an der Koblenzer Rheinpromenade, die Luft ist trocken, duftet nach Sommer und Miss Lizz und ich sind für diesen Abend auf eine Party eingeladen.

Um genau zu sein war nur Sie auf der Gästeliste, ich ging einfach mit, in der blinden Überzeugung man würde mich schon kennen. Dreist? Sicherlich, aber ich vergrub mein schlechtes Gewissen daran nicht einmal ein SixPack mitgebracht zu haben, in Gedanken darüber was für eine Bereicherung unsere Anwesenheit doch schon für diesen Abend wäre. Und Selbstbetrug klappt bei mir immer Hervorragend.

Dachte ich.

Ich hatte Miss Lizz vom Bahnhof abgeholt und wir Schreiteten nun die Rheinpromenade ab, in wichtige Gespräche Vertieft, als Ihr Handy piepte (ja, damals gab es noch keine MP3 Klingeltöne) und eine SMS darauf aufmerksam machte das die GEBURTSTAGSparty nun doch nicht draußen sondern in der Wohnung stattfindet.

GEBURTSTAGSparty. Allein das niederschreiben dieser Buchstabenverkettung löst in mir schon Unbehagen aus. Denn hat man für eine Person kein passendes Geschenk kann man den Besuch auch gleich bleiben lassen. Klingt hart, ist aber so. Auf einem Geburtstag ohne die kleinste Anerkennung aufzukreuzen ist wie nackt ins Kino zu gehen oder mit dem Panzer in den Zoo: unangebracht.

Also macht man sich mühe etwas zu finden.

Am besten ist etwas von dem man ausgehen kann das es dem zu beschenkenden gefällt, in irgendeiner weise einen persönlichen Anspruch hat, aber gleichzeitig darf es kein anbiedern sein. So ist es beispielsweise Falsch sich großartig zu erkundigen was der jenige sich denn so von Herzen wünscht. Solche Geschenke sind ohnehin meistens viel zu teuer, sonst hätte sich der Betreffende den Wunsche schon längst selbst erfüllt, und außerdem sollte man solche Herzenswünsche zur Erfüllung für Familie und Partner offen lassen.

So erfuhren wir also erst kurz vor unserem eintreffen das es sich um eine Geburtstagsfeier handelte. Wir spazierten weiter, doch je mehr wir uns unserem Ziel näherten desto mehr plagten mich die Schuldgefühle dort ohne das kleinste Geschenk aufzulaufen.

Ich sah die Szene schon vor mir: Ich, nicht eingeladen, der miese Party-Schmarotzer, Wage es allen ernstes dort aufzulaufen, von allen missbilligend beäugt. Die Gastgeberin, auf einem Berg PERSÖNLICHER Geschenke trohnend erwartet Ihren Tribut, den ich Ihr nicht Zollen kann DENN ICH HABE KEIN GESCHENK.

Inzwischen hatte meine Verzweiflung physische Formen angenommen; Ich hielt nach Blumen in Vorgärten Ausschau, die man wenigstens zu einem Strauß zusammenbinden könnte. (schön mit wurzeln und erde unten dran) und Miss Lizz hielt mich mehrmals mit Händen und Füßen davon ab Gartenzwerge zu klauen, die mir in diesem Moment als durchaus passendes Geschenk erschienen.

Schließlich hatten wir es bis zur Villa geschafft in der schon das pralle Partyleben tobte.

Auf der Straße vor dem Haus fanden wir zu allem Überfluss auch noch Zerrissenes Geschenkpapier. Das gab mir den Rest, ich weigerte mich rein zu gehen, und wurde kurz Ohnmächtig. Zumindest glaube ich das.

Auf jeden Fall musste ich für einige Zeit die Augen geschlossen haben, denn als ich sie wieder öffnete stand Lizz mit einem von Ihr gesammelten Haufen Geschenkpapier vor mir, und einem Glitzern in den Augen das sagte „Ich habe die Lösung“.

Ein Blickwechsel zwischen uns lies den Wahnsinn erahnen dem wir beide nun zeitgleich aufsaßen:

Vor dem Haus hatte vor einiger Zeit ein offensichtlich sehr altes, kaputtes Auto einen Haufen mechanischer Teile verteilt, vermutlich die Überreste einer Ausschlachtung. Für uns war es ein Geschenk der Götter. Wir entschieden uns für das vollkommen verrostete Stück eines Auspuffs, wickelten es in die pinken Geschenkpapierüberreste (inkl. halb-zerfetztem Geschenkband!) und zum Ende konnte ich sogar noch eine Geranie aus einem nahen Vorgarten entwenden und einpflegen.

Alles in allem gab das ein Prima Fake-geschenk, mit dem man an den ersten Argwöhnischen Blicken an der Tür vorbei kam und welches man dann prima auf dem Gabentische, zwischen all den anderen Paketen und buntem Papier verstecken konnte.

Später fragt niemand mehr „was hast du mir eigentlich dann und dann zum Geburtstag geschenkt“. Dafür ist es viel zu peinlich zuzugeben das man sich nicht an die nette Aufmerksamkeit seines gegenübers erinnert.

Eine manipulatorische Glanzleistung.

Leider empfing uns die Gasgeberin an der Tür, riss uns das Paket aus der Hand und wir kamen in eine gut 15 Minütige erklärungsnot warum wir ihr Schrott schenken, welche wir mit hanebüchenen Geschichten über „Neue Kunst“…“Ausnahmekünstler, van de Endtopf“…“sekundäre Geschenkpapier verwertung“…“Abstrusität von Konventionen“ und „Antiwitz“ meisterten.

Danach waren wir „Die ohne Geschenk“.

Für mich selbst ist es aber heute, im Nachhinein betrachtet,
das beste Geschenk das ich jemals irgendjemandem gemacht habe:
Die totale Verwirrung, erzeugt durch etwas das man, von der idee bis zum endprodukt, in wenigen sekunden komplett aus bereits entsorgtem erschaffen hat.

Ich finde das verdient schon Bewunderung.

Ich frage mich ob sie „die Skulptur“ noch hat.

Ich hätte sie aufgehoben.

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