Das Problem mit dem sein

Du steigst mit mühe aus dem Bett, nachdem das Handy dir zum siebten mal die anfangs-Melodie von PuzzleBobble vorgedudelt hat. „STEH AUF, DU NARR!“ heißt es groß auf dem Handydisplay. Als du dieses Zitat aus einem uralten tchechischen Märchenfilm als Titel für deinen Weckruf ins Handy eingegeben hast war es noch lustig. Inzwischen ist es ein Handrücken-schlag der Realität zwischen die Augen. Jeden Morgen.

In deinen Muskeln liegt noch die Säure des Vortags.

Du schiebst dich ins Bad. Die unbarmherzigen Hallogenstrahler verstrahlen den Raum zu einem schattenlosen Fegefeuer, durch das du aber durch musst, um wenigstens etwas Klarheit in deinen schädel zu bekommen. Ein trauriges, auf gequollenes Gesicht schaut dich bemitleidend aus dem Chrom-Spülknopf des Pissoirs an. Die Verzerrung durch die Wölbung tut der Fresse keinen Abbruch.

Du ziehst dich aus, wobei du einen Blick in den Spiegel meidest, und betrittst die Duschwanne, welche eine gründliche Säuberung nur aus Geschichten kennt. Du stellst dich in die äußerste ecke um den Gefrierstrahlen des Eiswassers, welches die ersten 2 Minuten aus der Dusche kommt, zu entgehen. Jeden morgen, immer sinnlos.

Nachdem gut 40 Liter nur dafür verschwendet wurden die richtige Temperatur zu finden stellst du auch fest das der Abfluss mal wieder verstopft ist, das Wasser bereits bedrohlich am Beckenrand steht, und so vielleicht grade noch zeit für ein hektisches haarewaschen und abseifen ist.

raus aus der dusche, Augen zu wegen dem Spiegel und rein in den Bademantel. Doch der ist so warm und einlullend das man, sobald man sich mit ihm irgendwo hinsetzt in tiefen Schlaf verfällt. ewig.

also wach bleiben und Musik an, sich dabei einen Stromschlag am uralt-Verstärker holen weil man ihn jeden morgen mit nassen Händen bedient, und im letzten Moment bemerken das noch Interpol in der Playliste ist.- Doch zu spät, es hat bereits angefangen und „stella was a diver and she was always down“ tropft schwer in den raum. Der Soundtrack zu grauen Tagen.

Zeit sich auf die suche nach Klamotten zu machen die noch halbwegs okay sind. Du besitzt kein Bügelbrett, was wie jeden morgen darauf hinausläuft Shirts und Hemden wild durch die Luft zu schwingen, damit zu peitschen und zu wedeln, in der Hoffnung sie würden sich glätten.

tun sie nie.

ein blick in den Kühlschrank bringt dir, wie jeden morgen, die Gewissheit das man Grillwürste nicht ewig aufbewahren kann, Milch ebenfalls verderblich ist und im Endeffekt alles stirbt.

So bleibt es bei einem schwarzen Tee mit Zitrone und Unmengen Kristallzucker. die Glukose wird dich für die nächsten 4 Stunden am laufen halten.

Du denkst kurz an früher und wie schön es war morgens neben einer Frau aufzuwachen.

dein schreiendes Handy reißt dich aus dem kurzen abdriften und präsentiert dir wie jeden morgen deinen aktuellen Kontostand, welcher dich schöne Zeiten schnell wieder vergessen lässt.

Und erst jetzt merkst du das du heute Nacht bei geschlossenem Fenster geschlafen hast, die ganze Wohnung riecht als würdest du Löwenbabys züchten, und die Zeit reicht mal wieder für nichts. du kippst alle Fenster, streifst dir dein dickes Fell der Geduld über, nimmst den Stahlhelm des freundlichen Lächelns von der Wand und lädst dein MG der Zuvorkommenheit durch.

wie sagten die Preußen in der Schlacht?
„auf, auf, was noch kann!“
und du kannst ja noch.
du kannst immer weiter machen.
und diese Erkenntnis macht dich furchtbar unglücklich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.